Die Wirklichkeit als Spiegel
Das Bildnis des Dorian Gray : Oliver Parkers Verfilmung des Oscar Wildes Romanklassikers
London. Spätes 19. Jahrhundert. Ein junger Mann kommt in die Hauptstadt. Er ist schön, reich und naiv - eine gute Seele, sich seines Aussehens und seiner Möglichkeiten nicht bewusst.
Der Maler Basil Hallward ist fasziniert von der Jugend, Reinheit und Schönheit von Dorian Gray und malt sein Porträt, ein Meisterwerk. Schnell interessiert sich die dekadente, reiche Londoner Gesellschaft auch für den Neuling, darunter besonders einer, der zynische Freund des Malers, Lord Henry.
Der integre Maler und der wort- und weltgewandte Lord werden zu Erziehern Grays und jeder der beiden versucht ihm seine Werte zu vermitteln: Während Basil für Moral und Integrität steht und Dorians Unschuld zu erhalten versucht, sieht der Lord das Wahre im Triebhaften und Amoralischen, alles Andere betrachtet er als Heuchelei. Er zeigt dem jungen Mann die zwielichtige Seite Londons mit allen Vergnügungen, die man als vermögender, junger Mann haben kann, lehrt ihn, dass ihm die Welt zu Füßen steht.

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Im Rausch der ewigen Jugend
Gleichzeitig findet Dorian heraus, dass sein geäußerter Wunsch, auf immer so wie sein Porträt auszusehen, in Erfüllung gegangen ist: Seine Verletzungen übertragen sich auf wundersame Weise auf sein gemaltes Abbild, nicht einmal Narben bleiben ihm, er kann alles tun, ohne sich zu verändern. Die Erkenntnis macht es ihm leichter, sich den Verführungen des leichten Lebensstils hinzugeben, er muss die Konsequenzen nicht tragen. So distanziert er sich von dem Mädchen aus einfachen Verhältnissen, mit dem ihn aber wahre Liebe verbindet und verdrängt die Verantwortung für dessen Selbstmord.
Es folgt ein rauschhaftes Leben mit Besuchen in Opiumhöhlen, Bordellen, dem Verführen anständiger Frauen und selbstveranstalteten Orgien, alles, ohne dass er irgendwelche sichtbaren Spuren davon trägt. Sein Porträt aber hat er längst aus dem Entree, wo es für alle Besucher seines Hauses sichtbar war, verbannt. Als Basil um das Bild für eine Ausstellung bittet, weigert er ihm die Ausleihe und schließlich, als dieser auf sein Künstlerrecht besteht, zeigt er ihm das Gemälde, um ihn anschließend zu töten. Daraufhin verlässt er London, um sich in der Fremde Ausschweifungen hinzugeben und als er nach Jahren zurückkommt, ist er im Vergleich zu seinen Freunden kein Bisschen gealtert.
Die Kehrseite
Doch: Nicht jede Konsequenz ist aufs Bild gebannt. Zwar ist sein ewig junger Körper scheinbar ohne Erinnerungen, aber die Menschen um ihn erinnern sich und er sich letztendlich auch. Nicht nur sein Porträt zeigt ihn, wie er in Wirklichkeit ist, auch die vergreisten Menschen um ihn herum halten ihm den Spiegel vor. Sein Inneres selbst, verdorben durch Exzesse, Schandtaten und Mord kann er in seinem Bildnis sehen und es wird ihm auch vorgehalten vom Bruder seiner toten Verlobten, der ihm rachesüchtig auflauert, vom alten Freund Lord Henry, der ihm nicht mehr ganz über den Weg traut und von der Gestalt seines ermorderten Freundes, die ihm erscheint. Er beschließt, die Läuterung soll über eine neue Liebe geschehen: ausgerechnet die Tochter seines Freundes, Lord Henry, ist dafür auserwählt.
Verfilmung versus Roman
Die Verfilmung von Oscar Wildes Roman mit demselben Titel hat in der Umsetzung von Oliver Parker Stärken und Schwächen. Oft scheint es, als ob es nicht genug Raum gäbe, in dem die Charaktere an Tiefe gewinnen könnten. So kann man nicht so recht verstehen, warum der schillernde Lord Henry (gekonnt von Colin Firth gespielt) an einem so langweiligen jungen Mann Gefallen finden kann. Hat man den Roman nicht gelesen, muss man selbst nach Erklärungen suchen, denn in der eher einfältigen Filmfigur Dorian Grays (Ben Barnes) sieht man nicht unbedingt den Grund für eine ausführliche Beschäftigung mit ihm. Der innere Wandel Dorians wird zudem leider auch nicht immer sichtbar, man muss dem manchmal einfach glauben, dass hinter dem gleichbleibenden Ausdruck sich eine Charakterveränderung vollzieht.
Die große Schwachstelle des Films sind aber inhaltlich die Rückblenden, die Dorian als Gewaltopfer in der Kindheit ausweisen. Damit werden Wildes noch immer brisante Themen in ihrer Widersprüchlichkeit geglättet: Man braucht sich keinen Kopf mit Fragen nach Lust und Moral, Trieb und Verantwortung, persönliches und gesellschaftliches Sein bzw. Schein mehr zu zerbrechen, die Entwicklung des Helden vom Gewaltopfer zum Mörder leuchtet einem ja sofort ein ...
Man kann jedoch dem Film verzeihen, nicht an die Vorlage heranzukommen, wenn man ihn nicht daran misst. Die Story ist gut, durch kunstvolle und starke Bilder gelingt eine eigene Atmosphäre, die Spannung wird gut aufgebaut und durchgehend gehalten: Obwohl die Horrorelemente nur dezent eingestreut sind, lässt die Aufmerksamkeit zu keiner Zeit nach, das Unheimliche ist vor Allem durch das, was nicht gezeigt wird, stets präsent. Und für die, die mehr als das brauchen: Fließendes Blut, übernatürliches Geschehen und unkonventionelle Sexszenen bekommt man trotzdem auch zu sehen.
L. Klier


























