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Buch

Chaplin: Eine Biographie

Stephen Weissman legt Chaplin auf die Couch ? und bringt Erstaunliches zum Vorschein

Charlie Chaplins Filmfigur: Der Tramp (1910er)

Vor einigen Jahren rief eine Bekannte von Charlie Chaplins Tochter Geraldine diese an und teilte ihr mit, dass irgendsoein  junger Kerl einen Artikel über ihren berühmten Vater schreibe. In diesem vertrete der Autor die These, dass die Mutter von Charlie Chaplin ? also Geraldines Großmutter ? eine ?syphiliskranke Hure? gewesen sei. Geraldine Chaplin ist außer Sicht und setzt sich mit dem Autor des Artikels, Stephen Weissman, in Verbindung. Wer jetzt glaubt zu wissen was danach kommt, der irrt: Chaplins Tochter unterstützt Weissman nachdem dieser ihr ein Vorabexemplar seiner psychoanalytischen Studie über Charlie Chaplin geschickt hat.

Am Ende schrieb Geraldine Chaplin sogar das Vorwort für Weismanns Buch Chaplin: Eine Biographie, worin sie Weissmans Beitrag zu einem besseren Verständnis ihres Vaters und dessen Kunstfigur, des kleinen Tramps, lobt: ?Dieses Buch ist provokativ, aber auch herzzerreißend traurig. Immer bringt es erhellende neue Erkenntnisse und leistet einen unverzichtbaren Beitrag zum Verständnis des Genies und der Kunst meines Vaters. Und es ist eine einzigartige Meditation über das Geheimnis der Kreativität.? (S.11)

Psychoanalyse - aber spannend

Weissmans Hauptansatzpunkt für die Psychoanalyse von Charles Spencer Chaplin ist dessen Kindheit. So erfährt man nicht nur, dass sein Vater ein alkoholkranker, zuweilen berühmter Music Hall-Darsteller war und seine Mutter geisteskrank wurde. Dies alles könnte man in einer gewöhnlichen Biographie ebenso finden. Die Besonderheit von Weissmans Buch aber liegt darin, diese außergewöhnliche Kindheit genau zu untersuchen und aus ihr Inspiration, Verarbeitung und Ideen für sein späteres künstlerisches Schaffen zu ziehen.

Video: Chaplins erster Auftritt als Tramp in "Kid Auto Races at Venice" (1914)

Dabei mag dem Leser die Aussicht auf eine psychoanalytische Betrachtung von Charlie Chaplin und seiner Kunstfigur des kleinen, mittellosen aber immer mit erhobenem Haupt durch die Welt spazierenden Tramp zunächst abschrecken. Aber was Weissman ans Licht fördert ist außergewöhnlich spannend und informativ.

Die Vergangenheit auf Film

So lässt sich nicht nur nachvollziehen, dass Chaplin sein schauspielerisches Talent von seiner Mutter geerbt hatte, die - noch im Vollbesitz ihrer geistigen Kräfte - in unterschiedliche Rollen schlüpfte, um ihren beiden Söhnen Charlie und Sydney das Los der Armut zu erleichtern. Geradezu atemberaubend sind die Erfahrungen Chaplins in seiner Kindheit und Jugend, die Weissman ans Tageslicht fördert, und die Art und Weise wie der berühmteste Komiker aller Zeiten diese immer und immer wieder in seinen Filmen einzusetzen wusste.

Chaplins grandiose Nachahmung von Betrunkenen, die, sich selbst windend und biegend, immer kurz vor dem Abgrund stehen, aber wie durch Geisterhand nie darüber hinaus wanken, sind Erfahrungen, die der kleine Charlie durch aufmerksame Beobachtung seines Vaters Charles Chaplin Sr. gemacht hatte. Die legere Art eine Zigarettenkippe mit dem Absatz wegzukicken, hatte sich Chaplin von Kollegen in Fred Karnos Schauspieltruppe angeeignet. Der für den Tramp so berühmte Watschelgang, der Chaplins Figur nicht nur zur größten Filmfigur seiner Zeit sondern ihn auch in unserer heutigen Zeit noch unsterblich gemacht hat, hat sich Charlie als kleines Kind von einem betrunkenen namens Rummy Binks abgeschaut, den er während etwaiger Streifzüge durch das Londoner West End regelmäßig traf.

Charlie Chaplin und Virginia Cherrill in "City Lights" (1931)

Chaplins erster Auftritt als Tramp war 1914 in dem Kurzfilm ?Kid Auto Races at Venice?. Schnurrbart, Hut, Jacke und Schuhe lieh er sich ebenso von Kollegen, wie die Hose, die  er von seinem Schauspielpartner Roscoe Arbuckle borgte ? der nicht umsonst den Spitznamen ?Fatty? trug. Einzelne Ideen zu dieser Verkleidung kamen ihm bereits früher während seiner Zeit in den britischen Music Halls. Weissman weist ebenfalls daraufhin, dass Chaplins Versuch, die blinde Frau in seinem künstlerisch wohl vollkommensten Film ?City Lights? zu heilen ? eine gutherzige Eigenschaft die der Tramp gegenüber vielen seiner Partnerinnen im Film aufleben lassen sollte ? nicht zuletzt aus dem seit Jahren in ihm schlummernden Wunsch kam, sein Mutter wieder völlig gesund zu machen.

Pflichtlektüre

Stephen Weissmans Buch Chaplin: Eine Biographie ist eine hervorragende Studie über den wohl berühmtesten Komiker ? und manche sagen besten Schauspieler ? aller Zeiten, der das Kino wie kein zweiter prägte. Die psychoanalytische Untersuchung von Chaplins Kindheit ist von enormer Bedeutung für das Verständnis des Werkes von Charlie Chaplin. Viele Motive und Momente in seinen Filmen, die wir heute untrennbar mit dem kleinen englischen Schauspieler verbinden, entstammen Erfahrungen und Personen aus seiner Kindheit und Jugend.

Der einzige Wehrmutstropfen den das Buch bietet ist, dass es zu schnell endet. Man wünscht sich, dass Weissman auch Chaplins Leben während und nach seiner ganz großen Erfolge der 20er und 30er Jahre untersucht hätte. Insbesondere seine zahlreichen Liebschaften oder seine Verfolgung durch das Komitee für unamerikanische Umtriebe und dem letztlichen Verbot der Wiedereinreise in die USA im Jahr 1952 hätte man sicherlich noch viele spannende Erkenntnisse abgewinnen können. Aber Weissmans Fokus liegt auf der Kindheit und Jugend von Charlie Chaplin und die Auswirkungen dieser auf sein künstlerisches Schaffen.

Wer Chaplin und seine Filme, wie seine Figur des kleinen Tramps verstehen will, muss Weissmans Buch lesen!

Übrigens: Weissman enthüllt auch, dass die Geisteskrankheit von Hannah Chaplin von einer Syphilis herrührte, die sie sich bereits vor der Geburt von Charles Jr. zugezogen hatte. Er zeigt aber auch auf, dass Hannah sich äußerst fürsorglich um ihre Kinder kümmerte ? solange sie dazu in der Lage war.

Florian Jetzlsperger

 

Stephen Weissman

Chaplin: Eine Biographie

402 Seiten

22,95 Euro

Aufbau-Verlag

 




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