Drucken
KARRIERE

Bye bye, bad Bank!

Rudolf Wötzel (49) war zuletzt bei Lehman Brothers für das deutschsprachige Geschäft mit Fusionen und Firmenübernahmen zuständig und beriet Firmen bei milliardenschweren Transaktionen. Heute lebt er als Hüttenwirt in den Graubündner Alpen, arbeitet daneben als Buchautor, Referent und Coach für Führungskräfte - und erzählt, wie alles so kam wie es kam.



"Selbstbestimmung, Lebensgestaltung und wahres Unternehmertum": Rudolf Wötzels neues Leben führte ihn von der Bank zum "Bankerl"

Ich verliess den Finanzsektor aus eigenem Antrieb, um meinem Leben eine komplett neue Richtung zu geben. Das ist das wichtigste Element eines selbstbestimmten Lebens: Sich bewusst entscheiden und handeln, statt getrieben zu werden, statt sich als das Opfer nicht kontrollierbarer Einflussfaktoren zu fühlen, statt Teil eines „Systems“ zu sein.

Ich beschloss, meinen Neigungen und Talenten folgend, einer Vielzahl von Tätigkeiten in sinnvollem Nebeneinander nachzugehen. Kleinunternehmer, Hüttenwirt, Gastronom, Wanderführer und Gastgeber im Sommer; Autor, Referent und Seminarleiter im Winter. All meine beruflichen Aktivitäten folgen nun meinem inneren Antrieb und meiner Lust am Gestalten - statt sich wie früher am allgemeinen Karrierestreben zu orientieren.

Man glaubt, im erfolgreichen Wettrennen auf der Karriereleiter andere hinter sich zu lassen - das mag vordergründig so sein, doch letztendlich erfüllt man nur die Erwartung Dritter - Eltern, soziales Umfeld, die Elite, der man anzugehört.


“Alle beruflichen Aktivitäten folgen nun meinem inneren Antrieb und der Lust am Gestalten.“


Mein größter Luxus und meine größte innere Befriedigung ist, nun täglich frei entscheiden und gestalten zu dürfen. Früher bildete ich mir ein, eine wichtige Stellgröße bei großen Unternehmenstransaktionen zu sein - und war doch nur ein Rädchen in hochkomplexen Prozessen. Jetzt habe ich einen viel kleineren Wirkungsrahmen gewählt. Doch hier geschieht alles nach meinen Vorstellungen, und ich trage auch für alles unmittelbare und nicht delegierbare Verantwortung. Mein Leben ist bunter, vielfältiger, voller Überraschungen und Möglichkeiten, jenseits vorgezeichneter Karrierepfade.

Auch treffe ich nun viel interessantere Menschen mit facettenreichen Lebensgeschichten und anderen Lebensentwürfen. Als Teil der Wirtschaftselite engt sich das eigene Gesichtsfeld sehr ein - Kollegen, Kunden und Freunde teilen eine sehr einseitige Weltsicht, und man unterliegt der Illusion, dies repräsentiere die Wirklichkeit.

Sieben Menschen arbeiten auf meiner Berghütte. Sieben Menschen, die ich aus eigener Tasche bezahle. Ich fühle mich als Patron mit einer klaren Verantwortung für meine Mitarbeiter: Das motiviert, das Beste zu geben und einen Ort der Behaglichkeit und Gaumenfreude für unsere Gäste zu schaffen. Es befreit ungemein, nicht Verwalter irgendwelcher Personalbudgets zu sein, oder seine Energien in endlosen politischen Aktivitäten in einer Organisation zu verpulvern.

Intrinsische Motivation


Mein Einkommen ist ein Bruchteil meines früheren Salärs, doch es reicht zum Leben. Nun stachelt mich nicht mehr die Aussicht auf einen attraktiven Bonus meinen Ehrgeiz an. Es sind die Inhalte und Qualität meiner Tätigkeit, die mich motivieren. Vielleicht arbeite ich sogar mehr als  früher. Doch ich empfinde es nicht als Stress oder Belastung, denn es ist freiwillig, und ich fühle mich nicht als Getriebener.

Damit habe ich auch wieder ein wichtiges Stück Autonomie gewonnen. Denn nun entscheidet nicht mehr mein Chef oder anonyme Beurteilungssysteme, ob ich erfolgreich bin oder nicht; es ist die unmittelbare und ehrliche Reaktion meiner Kunden - Gäste, Leser oder Zuhörer - an der ich meinen Erfolg ablesen kann. Oder die Freude meiner Mitarbeiter, an meinem Projekt mitwirken zu können. Oder, am wichtigsten, das ungemein gute Gefühl, etwas Sinnvolles in seinem Leben zu tun.

Körperliches Wohlbefinden und Gesundheit


Als junger Investment Banker betrieb ich brutalen Raubbau an meinen seelischen und körperlichen Ressourcen. Die Quittung erhielt ich fast zwei Jahrzehnte später: Panikattacken, Bandscheibenvorfälle, Immunschwäche, eine Lungenentzündung pro Jahr, ein Leben mit Antibiotika; Burn-out, Sinnkrise, der Körpermotor kurz vor dem Totalkollaps.

Nach meinem Ausstieg aus dem Hamsterrad regenerierte ich mich unerwartet schnell und nachhaltig. Seit sieben Jahren fühle ich mich kerngesund, voller Tatendrang, Elan und Energie. Kein Arztbesuch, keine Medikamente. Inzwischen schenke ich Gesundheit, gutem körperlichen Wohlbefinden und mentaler Frische die angemessene Wertschätzung. Ich bin nicht mehr bereit, den Preis für das Leben auf der Überholspur zu zahlen. Täglich freue ich mich und bin dankbar, gesund zu sein.

Ich lebe inmitten der herrlichen alpinen Naturlandschaft. Kein Jetten um die Welt, kein Vergeuden von wertvoller Lebenszeit in First Class Lounges. Permanent werde ich in meinen Ansprüchen und Persönlichkeit geerdet. Durch die Schlichtheit archaischer Landschaften, durch das Bodenständige meiner Nachbarn, Bauern und Handwerker.

Gelassenheit, Glück und Zufriedenheit

Mein wertvollster Besitz: Ich lebe im Jetzt. Unerfüllte Träume und Visionen verschiebe ich nicht auf ein unbestimmtes Morgen. Es ist stimmig, so wie es jetzt ist. Im Einklang mit seinen eigenen Werten und Wesen zu leben, setzt enorme Lebensenergien frei. Ich empfinde keinen Zwang mehr, mich einem System und seinem Regelwerk aus Verhaltens- und Denkmustern anzupassen. Meinen Gästen, Lesern und Zuhörern - also  meinen Kunden - darf ich authentisch und unverstellt gegenüber treten - und schaffe es gerade dadurch, sie mitzureissen und zu motivieren.

Wer im Jetzt lebt, wird gelassen und verliert fast alle Ängste. Denn Lebensglück ist ja im Augenblick greifbar, und muss nicht auf ein unsicheres Morgen verschoben werden.


... Dennoch: Die Finanzbranche gab mir wichtiges Rüstzeug, um mein jetziges erfülltes Leben führen zu können. Ich war wie ein Kind: Musste mir die Finger auf der heissen Herdplatte verbrennen. Das Gegenteil dessen, was man eigentlich ist und will, erst einmal bis ins Extreme ausleben, um definitiv zu wissen, was man will und was man nicht will. Gelerntes kann man immer anwenden, auch in völlig neuen Lebenssituationen. Umgang mit Menschen und Agieren im Team helfen, sich im neuen Umfeld zurecht zu finden. Intellektuelle Neugier und Hang zum Perfektionismus eröffnen neue Horizonte und sichern den Erfolg im Neuland ab.
Ein finanzielles Polster erleichtert den Absprung, kann ihn aber auch verhindern: Höhe ist immer auch potentielle Fallhöhe.




Die Berufseinsteigerfrage

Karriere im Bankensektor: Wie wichtig ist der erste Arbeitgeber?

Die Berufseinsteigerfrage:

Maike S. (24) aus Hamburg schreibt uns: „Ich möchte gerne später einmal im internationalen Bankengeschäft tätig sein, um möglichst viel Geld zu verdienen. Ich habe mich nach dem Studium bei mehreren Banken beworben und nun eine Zusage von einer Genossenschaftsbank erhalten. Meine Freunde raten mir aber davon ab, dort anzufangen, weil sie meinen, dass nur bei den Privatbanken das große Gehalt zu erwarten ist. Stimmt das? Welche Karriereperspektiven kann ich bei einer Genossenschaftsbank maximal erwarten? Und wie entscheidend ist der erste Arbeitgeber für den späteren beruflichen Weg?“


Serie: Netzperlen

Diese Woche: Notes of Berlin

Netzperlen:

In Berlin kommt alles zusammen: Verrückt- und Verruchtheit, Offenheit und Spießertum, Liebe und Hass - im deutschen Mekka für Kreative und Individualisten gibt es viel zu entdecken. Was für skurrile, poetische oder humorvolle Zettelchen und Botschaften überall in der Stadt versteckt sind, zeigt uns ...


Serie: Studenten fragen Professoren