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Film

Bottoms up!

Erst tobten sich Zombies aus, dann Cops, jetzt Replikanten – Nirgends macht Aberwitz soviel Spaß wie in der britischen „Blood-and-Ice-Cream-Trilogy“. Im dritten Teil „The World’s End“, ab 12.9. im Kino, muss gar mit einer Apokalypse gerechnet werden. Bei der unheimlich viel Bier fließt...

von Nathalie Mispagel, Kinoexpertin auf academicworld.net

 

 

Botschaft: Alkohol ist die letzte Rettung vor der Realität. So etwas hat Lieblingsfilmpotential.

The First Post, The Old Familiar, The Famous Cock…

Früher war alles viel besser! Zumindest an jenem 22. Juni 1990, als Gary und seine Freunde ihren Schulabschluß mit einer legendären Kneipentour feierten. Alle 12 Pubs von Newton Haven, einem idyllischen Städtchen inmitten englischer Hügel, wollten sie abgrasen, konnten die hehre Aufgabe aber nicht zu Ende bringen. Heute, über 20 Jahre später, sind aus potentiellen Welteroberern brave Bürger mit Familie, Firma und Finanzberatern geworden. Nur Gary King (Simon Pegg), einst der Anführer, hat sich gesellschaftlich nie etabliert und ist ein großes Kind geblieben. Aus einem nostalgischen Impuls heraus will er die alte Truppe wiedervereinen, auf dass sie ihr einstiges Bier-Projekt erneut in Angriff nehme. Eher widerwillig stimmen Andy (Nick Frost), Steven (Paddy Considine), Oliver (Martin Freeman) sowie Peter (Eddie Marsan) zu, sich nochmals der Herausforderung zwischen ’The First Post’ und ’The World’s End’ zu stellen. Keiner ahnt, dass aus einer veritablen Sause in Erinnerung an längst vergangene Tage ein irres, über die Zukunft der Menschheit entscheidendes Sci-Fi-Abenteuer wird.

Für knapp ein Vierteljahrhundert hatten sich die Fünf aus den Augen verloren und dabei nichts vermisst. Schon gar nicht Gary. Plötzlich taucht er wieder auf, aufgekratzt, redselig, gekleidet wie ein alternder Rockstar mit Gothic-Tick. Er ist die personifizierte postpubertäre Albernheit, voller Überschwang und Spontanität, dabei ganz nebenbei ein Meister im Verdrängen von Problemen. Kein Wunder, dass er gleich zu Anfang in einer Therapiegruppe hockt, zusammen mit den wohl freudlosesten Patienten von ganz Großbritannien. Gary verkörpert im Prinzip das, was mit U20 noch cool wirkt, mit Ü40 allerdings häufig als närrisch gilt: pure Unangepasstheit, teils aus Überzeugung, teils aus Verzweiflung zelebriert.

…The Cross Hands, The Good Companions, The Trusty Servant…

Ein wenig hat die englische „Blut-und-Eiscreme-Trilogie“, auch „Three-Flavours-Cornetto-Trilogy“ genannt, bereits Leinwandgeschichte geschrieben und dabei sympathischerweise schiere Lust am Kino bzw. Filmemachen verströmt. Ihr Name ist Programm: Horror bzw. Action trifft auf Comedy und wird zum ’Brit-Bizarre-Banger’. „Shaun of the Dead“ (2004) machte aus einem Ansturm der Untoten nahezu geniales Amüsement, „Hot Fuzz“ (2007) bot Einblicke in den absonderlichen Polizistenalltag, „The World’s End“ wiederum erzählt von einer drolligen Zechtour samt Alien-Invasion. Alle drei Werke sind ideenreiche, umwerfend exzentrische Parodien auf Genrefilme, die nicht nur eine Aneinanderreihung von treffend plazierten Filmzitaten und (selbst-)ironischen Standardsequenzen bieten, sondern das Genre jeweils auf satirische, höchst eigenständige Art fortentwickeln. Tiefschwarzer Humor, gepaart mit schierer Ausgelassenheit und schräger Fabulierfreude, schlagen sich in einer skurrilen Story nieder. Diese ist maßgeblich geprägt von mindestens ebenso schrulligen Charakteren.

Für die originelle, urkomische Handlung samt pfiffig-rasantem Dialogwitz sind die Drehbuchautoren Edgar Wright und Simon Pegg zuständig, für den perfekt rhythmisierten inszenatorischen Spiel- wie Bildwitz sorgt Regisseur Edgar Wright. Schon der Prolog von „The World’s End“, der die Vorgeschichte zusammenfasst, ist eine flotte, auf narrative Ökonomie setzende Mischung aus zügigen Schnitten, reizvollen Soundeffekten, perfekt eingeflochtenen Pop/Rock-Songs der frühen 1990er. Bill Popes Kamera fängt das mit agiler, gleichwohl irgendwie unaufgeregter Konzentration ein, als wären depressive Psychiatrieinsassen und stockbetrunkene Teenager das Normalste überhaupt. Sind es auch, gemessen am zukünftigen Verlauf der temporeichen Geschehnisse. Edgar Wright sieht „The World’s End“ als „Teil der britischen Tradition frecher Respektlosigkeit oder auch stoischer Gelassenheit im Angesicht der Katastrophe.” Da wird nicht nur der älteste Verkehrskreisel Englands plattgemacht.

Never change a winning team: Nick Frost & Simon Pegg

…The Two Headed Dog, The Mermaid, The Beehive…

Der Kneipen-Countdown lässt sich nicht gerade gut an. Andy, der einen alten Groll gegen Gary hegt, bestellt ausschließlich Wasser, der Rest der Herren ist viel zu gesetzt, um an einem ’pub crawl’ noch Gefallen zu finden. Obendrein stößt Olivers attraktive Schwester Sam (Rosamund Pike) zu dem Quintett. In sie waren Gary und Steven bereits während der Schulzeit verknallt, doch ohne Erfolg. Jener schnelle Sex mit Gary auf der Behindertentoilette zählt kaum, erweist sich zudem als eher hinderlich für ein unbelastetes Wiedersehen nach Jahrzehnten. Kurz: Die Stimmung ist im Keller. Erst Garys Abstecher zum Herren-Klo – offenbar sind Pub-WCs ein kommunikatives Zentrum – bringt die Wende.

Dort liefert er sich mit einem Jugendlichen einen Faustkampf, der Garys Kalauer vom ’Dr. Ink’ eine völlig neue Bedeutung verleiht und zu einer schockierenden Erkenntnis führt: Newton Haven ist unterwandert von menschenähnlichen Androiden! Die fünf Freunde schmieden daraufhin einen wahnwitzigen Plan, den wohl nur ein Mann, Brite bzw. Biertrinker nachvollziehen kann. Um nicht aufzufallen (!!!), wollen sie zunächst ihren zechlustigen Schleuderkurs entlang der ’Golden Mile’ vollenden und dann aus der Stadt abhauen. Alkohol als letzte Rettung vor der Realität – Wer hätte gedacht, dass Garys Lebensdevise einmal zum Survivalmotto avancieren würde?

…The King’s Head, The Hole In The Wall und last but not least: The World’s End!

Was folgt, ist der cineastische Nachweis des Sprichwortes ’To err is human’. Je blauer Gary und Co. werden, desto besser verstehen sie sich und desto tollkühner wird ihr Verhalten. So eine Alien-Offensive aus fernen Galaxien, die an das Science-Fiction-Kino der 1950/60/70er Jahre erinnert, schweißt nicht nur unheimlich zusammen, sondern befreit das nonkonformistische Kind im Manne. Gut, bei Gary, dem freiheitsliebenden Vorstadt-Rebellen mit „The Sisters of Mercy“-Shirt, hatte es ohnehin schon immer Ausgang. Aber der Rest der Herren muss es erst noch entdecken während einer strapaziösen Pub-Mission, inklusive Ale-Exzessen, wilder Kloppereien mit Replikanten und dem völlig abgefahrenen Versuch, ein paar reformfreudige Außerirdische von einem moralischen Upgrade der Menschheit abzuhalten.

Dass sie selbst noch nicht durch Androiden ersetzt wurden, beweisen sich die Zechkumpane gegenseitig mit ihren alten Narben und der Fähigkeit, absoluten Blödsinn zu machen. Diese herrlich verrückte, gleichzeitig treffende Definition von Mensch-Sein wird in „The World’s End“ nur noch von der Erkenntnis getoppt, dass die Absage ans Erwachsen-Werden nichts weiter bedeutet, als sich konsequent den Notwendigkeiten zu verweigern. Lass die Welt nur untergehen, ich hol mir erst ein Bier! O.K., die Endzeit bricht tatsächlich an, wenigstens ein bisschen. Aber wen stört es? Nach der Apokalypse ist vor der Party: Die Stunde der großen Jungs ist gekommen!

P.S.: Wer bisher nicht überzeugt war, dass „The World’s End“ dramaturgisch geschicktes, unbeschwertes Vergnügen bietet, dem sei gesagt: Ein Film, der das berühmte romantische Zitat ’We’ll always have Paris’ aus „Casablanca“ in ’Uns bleibt immer noch das Behindertenklo’ abwandelt, kann nur gut sein.


THE WORLD’S END                                                          
Regie: Edgar Wright                                                            
Besetzung: Simon Pegg, Nick Frost, Martin Freeman, Paddy Considine, Eddie Marsan, Rosamund Pike
Kinostart: 12. September 2013

 

 

 

Immer noch da? Willstn Pint?

Wir verlosen zweimal das Poster zum Film plus Pintgläser im 2er-Set. E-Mail mit Anschrift an post@academicworld.net, Betreff "This is the end", genügt zur Teilnahme. 


ENDE




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