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Film

Biutiful

Uxbals Leben geht zu Ende. Doch wie lebt man weiter mit der Gewissheit, dass der Tod schon auf der Türschwelle steht?

Hauptfilmplakat "Biutiful"
Hauptfilmplakat "Biutiful"; © Festival de Cannes

Chronik eines Verlöschens

Leben im Bewußtsein des künftigen Todes ist menschliches Schicksal, Leben in der Gewißheit des baldigen Sterbens eine tragische Bürde. Jede Handlung wird zur finalen Geste ohne Chance auf Wiederholung, aber in der Hoffnung auf Vollendung. Doch kann man sich mit etwas derart Komplexem wie dem Dasein überhaupt aussöhnen?

Endzeit

Es ist Nacht geworden über Barcelona, das letzte Tageslicht wischt dämmerige Bläue über den Himmel, die Stadt glüht in ihrer eigenen künstlichen Beleuchtung aus Lampen und Autoscheinwerfern. Auf einer Brücke steht ein Mann, unberührt vom Brausen der Metropole und blickt einem Vogelschwarm hinterher. Nur schattenhafte Silhouetten vor dem dunkel strahlenden Horizont, die sich teilen, zusammenfinden und entschwinden. Der Mann weiß genau, was er gesehen hat, nämlich kein Naturschauspiel, sondern sein nahendes Schicksal in Gestalt von fliegenden Vögeln als Symbol der körperlosen Seele.
Uxbal (Javier Bardem) ist sterbenskrank; er hat Prostatakrebs im Endstadium. Dabei kann er sich den Tod eigentlich nicht leisten, weder finanziell noch familiär, ist er doch einziger Beschützer und Ernährer seiner beiden Kinder Ana (Hanaa Bouchaib) und Mateo (Guillermo Estrella). Von deren Mutter Marambra (Maricel Álvarez), die unter bipolaren Störungen leidet, ist er längst geschieden, zu seinem Bruder hat er ein eher schwieriges Verhältnis, Freunde gibt es überhaupt nicht. Als Kleinkrimineller, der illegale Immigranten vermittelt und mit gefälschten Markenartikeln handelt, lebt er im multiethnischen Armenviertel Barcelonas am Rande der Gesellschaft ein höchst einfaches Dasein. Und jetzt wird er sterben. Anstatt sich einen dürftigen Zeitrest zu erkämpfen, will Uxbal stattdessen sein völlig ramponiertes Leben etwas in Ordnung bringen, die Zukunft der geliebten Kinder sichern, vielleicht Frieden mit sich selbst schließen.

 

Szenenbild
Szenenbild; © Festival de Cannes

Nullpunkt

Die Filme des mexikanischen Regisseurs Alejandro Gonzáles Iñárritu ("Amores perros", "21 Gramm", "Babel") sind waghalsige Odysseen auf der Schattenseite menschlicher Existenz, bedrückende Höllenfahrten in die Welt zerbrochener Illusionen, cineastische Jonglierkunst mit dem unerbittlichen Schicksal zwischen Schuld und Erlösung. Wer hier lebend rauskommt, ist für immer gezeichnet. Im anspruchsvoll tiefgründigen "Biutiful" geht er sogar noch einen Schritt weiter, indem er seine grandios trostlose, annähernd traumatische Geschichte über Menschen in desolaten sozialen Verhältnissen radikal unter das Fanal des Todes stellt. Allenthalben ist dieser präsent, etwa in den geradezu poetisch-harschen Bildern von Leichen, die im stillen, blassen Morgenlicht wie gestrandete Delphine an die Küste gespült werden. Sogar Uxbals Sterben hat der Zuschauer, ohne es zu wissen, bereits erlebt. Wie ein allegorischer Ouroboros schlingt es sich um die filmische Erzählung, ist zugleich Ahnung und Endgültigkeit, während Uxbal selbst noch in seinem kümmerlichen Alltag gefangen steckt. Immer ist er unterwegs, immer in geschäftiger Bewegung, als wäre Stillstand das Ende. Nuancen an Normalität gibt es für ihn, der sich im freien Fall befindet, bisweilen während der ritualisierten Mahlzeiten mit seinen beiden Kindern, ansonsten nie. Lediglich der Tod bleibt in Uxbals Circulus vitiosus ein konstanter Begleiter.
So führen Uxbals Bemühungen um ausgebeutete Chinesen in einer illegalen Näherei zur Katastrophe. Jene Gasheizstrahler, die er für ihre kalten, kärglichen Wohnräume gekauft hat, lassen die Arbeiter des Nachts im Schlaf ersticken. Schier gebrochen vor Gram, hört er die Geister der gerade Verstorbenen wispern, doch diesmal vermag er kein Wort zu verstehen. Dabei zählt diese spirituelle Gabe ansonsten zu seinen Geldquellen, wenn er als Medium an Totenbett oder Sarg geholt wird, um den Hinterbliebenen die letzten Botschaften der Verstorbenen mitzuteilen. Jenseits von esoterischer Versponnenheit wird fast beiläufig Leben und Sterben zu einer kosmischen Einheit komprimiert, die weder tröstliche Simplifizierung noch beschönigende Bagatellisierung bedeutet, stattdessen dem Übersinnlichen eine eigene unergründliche Realität zugesteht.
Solch narrativer Mut zeichnet das Drehbuch von Alejandro Gonzáles Iñárritu, Armando Bo und Nicolás Giacobene aus, das sich in eindringlich-eigenwilliger Konsequenz gleichzeitig schonungslosem Naturalismus und illustrativer Transzendenz verschrieben hat, um das charakterlich asymmetrische Portrait eines Sterbenden zu weben - gewissermaßen als eine vorgezogene Nänie. In der vielleicht intensivsten Sequenz von "Biutiful" kommt es zu einer außergewöhnlichen Begegnung zwischen den bereits Entschwundenen und den Hiergebliebenen. Uxbals Vater, der mit 20 Jahren vor dem Franco-Regime nach Mexiko floh, dort bald verstarb und als Einbalsamierter nach Spanien überführt wurde, wird aufgrund einer Friedhofsauflassung exhumiert. Wie am Nullpunkt der Zeit steht Uxbal vor dessen gut erhaltener Mumie, jetzt selbst weitaus älter als sein jugendlicher Ahn und schaut nicht nur in das Antlitz eines fast Fremden, sondern in seine eigene Vergangenheit, die gleichzeitig sein zukünftiges Schicksal ist. Mit einer Zärtlichkeit berührt er dessen Wange, die alle trennenden Jahrzehnte hinwegfegt.

Szenenbild
Szenenbild; © Festival de Cannes

Agonie

Die subtile emotionale Wucht von "Biutiful", in der existenzielle Themen mitschwingen, ohne im buchstäblichen Sinne "totgeredet" zu werden, findet ihren optischen Ausdruck in einer farblich atmosphärischen, suggestiven Bildkraft. Kameramann Rodrigo Prieto kultiviert eine unpathetische Ästhetik des Verschwindens, rückt mit seiner Handkamera den Protagonisten auf den Leib, um sie dann wieder aus dem Fokus düsterer Licht-/Schattenvirtuosität in die Unschärfe hineinzuverlieren. Fragmente der Szenerie bestimmen die Wahrnehmung, so wie auch Uxbals disharmonisches Leben nur aus Flickwerk besteht, das er mühsam zusammenhält. Als er in der Krise seinen Bruder Tito (Eduard Fernández), eine Größe im Barceloner Nachtleben in einem Club aufsuchen will, ist er nur mehr von aufflackernden Fraktallichtern umgeben. Langsam driftet seine gesamte Existenz auseinander. Adäquat hierzu besteht die Musik von Gustavo Santaolalla - mal aus orchestralen Klängen, dann wieder aus Soundsegmenten, öffnet sich in ihrer Isoliertheit dem Unbestimmten.
Das wahre Herz von "Biutiful" ist freilich Javier Bardem, der mit Uxbal eine zutiefst berührende Figur entwickelt. Konzentrierte Kraft gewinnt er aus der Zurückhaltung seines Spiels, aus einer schmerzvollen Verinnerlichung, in der er andeutungsweise das Ausmaß seiner unausgesprochenen Verzweiflung und Todesgewissheit legt. Stumm im Leid, kann er kurzfristig wie ein Rasender hochfahren, explizit, wenn es um das Wohl seiner kleinen Familie geht. Als er einmal die Kinder von der Ex-Frau abholen und diese sie ihm verweigern will, bedrängt er sie in seiner ganzen massiven Körperlichkeit, scheint beinahe wie ein Tier zu schnauben. Häufiger jedoch ist er von seinem Kummer niedergedrückt, geht leicht gebeugt mit wenig ausgreifenden Schritten durch die Gassen Barcelonas, die sich als graue Stadt voller Insignien des Verfalls präsentiert. Eben diese Drastik der äußeren sozialen Realität in Kombination mit dem nahenden Tod ficht einen wilden Kampf mit Uxbals Fatum aus, das sich hin zum unbestimmt Geistigen und vage Sinnhaften bewegt. Vielleicht ist es kein Zufall, dass Uxbal seine ganze Trauer nur einer Heilerin mit Affinität zum Spirituellen offenbaren kann.

Szenenbild
Szenenbild; © Festival de Cannes

Ausklang

"Biutiful" ist authentisch und artifiziell zugleich, bindet seine bittere Gesellschaftskritik in eine stilistisch avancierte, packende Optik ein, lässt mit großer cineastischer Geste Härte auf Hingabe treffen, um mit ebenso einfühlsamer wie ernsthafter Rigorosität über Existenzen zu erzählen, die von Fatalismus dominiert sind. In den Außenbezirken von Barcelona kann sich keiner sein Schicksal selbst aussuchen, auch Uxbals senegalesischer Arbeitspartner Ekweme (Cheikh Ndiaye) nicht, der als Illegaler ausgewiesen wird. Dass er und Ehefrau Igé (Diaryatou Daff), die in Spanien zurückbleiben muss, in Anlehnung an den Ex-FC Barcelona-Fußballstar Eto'o ihren kleinen Sohn Samuel genannt haben, ist nur mehr ein Echo längst entschwundener Träume.
Während Alejandro Gonzáles Iñárritu in seinen früheren Filmen diverse Einzelstorys kunstvoll ineinander verschob, überrascht er hier mit einer narrativ linearen Inszenierung, die aufgrund eines von Ehrlichkeit und Humanität akzentuierten Blickes Respekt vor den Protagonisten offenbart. Sein überwältigend exaltiertes, kakophon-emphatisches Drama konzentriert sich völlig auf Uxbal und dessen Umfeld. Herzzerreißend etwa jene Sequenz, als Ana Gewissheit über den gesundheitlichen Zustand ihres Vaters erlangt und beide sich umschlingen, als könnten sie einander am Leben erhalten.

Ja, "Biutiful" ist traurig, todtraurig. Aber auf unerhört widersprüchliche Weise schön. So wie Uxbal das englische "beautiful" einmal seiner Tochter falsch buchstabiert, so fehlerhaft verläuft auch sein ärmliches Dasein. Optimal ist hier nichts, wird es auch nicht mehr werden. Vollendung gibt es für Menschen wie ihn niemals, doch vielleicht ein Loslassen vom Leben, das seiner würdig ist. Und dann wird sein letztes Flüstern aus einer anderen Welt noch die erreichen, die er liebt.


(Nathalie Mispagel)

Regie: Alejandro González Iñárritu

Darsteller: Javier Bardem, Hanaa Bouchaib, Guillermo Estrella, Maricel Álvarez, u.a.

Kinostart: 10. März 2011

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