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Buch

Auf der Suche nach dem Wesenskern

In unseren Zeiten der Postmoderne sind die Grenzen von Geschlechtern und Identitäten fließend, zwischen den Weltkriegen, als Virginia Woolfs "Orlando" entstand, gab es erste Ansätze davon zu spüren. In ihrer fiktiven Biographie thematisiert sie derlei auf spielerische und doch literarisch anspruchsvolle Art und Weise. Im Fischer Verlag erscheint das Werk nun erstmals so auf Deutsch, wie es von der Autorin gedacht war.

Lange Zeit verkriecht sich Orlando auf dem eigenen Landsitz. Bild: Thomas Max Müller/pixelio.de
Lange Zeit verkriecht sich Orlando auf dem eigenen Landsitz. Bild: Thomas Max Müller/pixelio.de

Jedes Ende ist ein neuer Anfang

Vom überschwänglich dankenden Vorwort über die eingebetteten Porträtbilder und -fotografien bis hin zum fragwürdigen Stichwortverzeichnis enthält diese Neuauflage im Deutschen alles, was Virginia Woolf ihrem "Orlando" im Original angedeihen lies. Vom Elisabethanischen Zeitalter bis in Woolfes Gegenwart (20er Jahre des letzten Jahrhunderts) folgen "Biograph" und Leser Orlando auf dem Weg zu einer ausgewogenen Identität.

Vom Günstling am Hofe der Virgin Queen über den Gesandten des britischen Reiches in Konstantinopel bis zur Schriftstellerin im 20. Jahrhundert führt der "Lebensweg" dieser ambivalenten Gestalt. In all den Jahrhunderten altert Orlando aber lediglich um wenige Jahre. Immer wieder kommt es zu Phasen des 7-tägigen, todesähnlichen Schlafes. Wie in der alttestamentarischen Schöpfungsgeschichte ist auch hier eine Woche ausreichend für eine enorme Schöpfungsleistung. Zwar geht aus diesem Zeitraum keine ganze Welt hervor, aber die Welt in Orlando wandelt sich stets grundlegend - im Extremfall wird er sogar zur sie. Stets erwacht er/sie in gewisser Weise als neuer Mensch aus diesen Phasen der Katharsis. Eines wird dabei klar: Es gibt keinen fertigen Menschen. Veränderung ist das, was uns ausmacht. Wenngleich es bei den wenigsten so drastisch ausfallen dürfte.

Verborgene Identitäten sind ein großes Thema. Bild: Rosel Eckstein/pixelio.de
Verborgene Identitäten sind ein großes Thema. Bild: Rosel Eckstein/pixelio.de

Realistisches Innen trifft auf phantastisches Außen

Virgina Woolf greift in "Orlando" Themen wie Geschlechtszwiespalt und -unsicherheit, Identitätskrisen und Geschlechterrollen auf, die nicht nur zu ihrer, sondern auch heute noch große Bedeutung haben. In der innerlichen Entwicklung ihres Charakters tritt große Wahrhaftigkeit und Glaubhaftigkeit zutage. Die Schilderung von Einsamkeit, Standeskonflikten, der Liebe zu Natur und Tieren oder dem stetigen Literatur-Diskurs weiß durch Anbindung an die Wirklichkeit zu überzeugen. Tiere fungieren immer wieder als Identitätszeugen, "denn die stumme Kreatur ist, wie jeder weiß, ein weit besserer Beurteiler von Identität und Charakter" - so Orlando.

Wohingegen die körperlichen und geistigen Wandlungen von Orlando oder auch ihre/seine verlangsamte Alterung - die sich in gewissem Umfang auch auf den ganzen "Besitz" (Personal, Hunde) ausdehnt - überaus phantastische Züge tragen.

Spielerisch erzählt die Autorin in dieser "Fingerübung", wie sie es wohl selbst sah, auf meisterliche Art und Weise. Humorvoll, geistreich und unterhaltsam geht sie auf einen Parforceritt durch die Geschichte. Auch heute noch mit großem Genuss zu lesen.

Gisela Stummer (academicworld.net)

Virginia Woolfe. Orlando: Eine Biographie.
9,00 Euro, Fischer (Tb.)




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