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Gesellschaft

Am Ende habe ich es selbst geglaubt

Sylvia Hamacher war immer ein beliebtes Mädchen, hatte viele Freunde. Doch plötzlich schlug die Stimmung um und das Mädchen, das nicht immer mit dem Strom schwimmen wollte, wurde zum Mobbing-Opfer, landete nach Tritten ihrer Mitschüler sogar im Krankenhaus. Wie konnte es soweit kommen?

Sylvia Hamacher verarbeitete ihre Mobbing-Erfahrungen in einem Buch

Sylvia, du wurdest plötzlich zum Mobbing-Opfer. Gab es einen konkreten Auslöser dafür?
Ich glaube das war ein Zusammenspiel mehrerer Faktoren. Bei uns in der Klasse hatte eigentlich immer jemand eine Außenseiterrolle und wurde fertig gemacht. Natürlich gab es welche, die es besonders häufig getroffen hat. In der Regel ist da niemand eingeschritten und wenn, dann war das meistens ich. Deshalb wurde ich oft auch als Spielverderberin abgestempelt. Das könnte natürlich mit hineingespielt haben, als ich zu meiner Geburtstagsparty nicht alle Mädchen meiner Klasse einladen wollte.

Denkst du jeder kann zum Opfer werden?

Ich habe die Erfahrung gemacht, dass es oft Leute trifft, die auffällige Merkmale haben, etwa rote Haare, Segelohren oder Sommer- sprossen, bei denen man schon von außen sieht, dass sie 'anders' 
sind. Aber es kann natürlich auch jemandem passieren, der sich im Verhalten abgrenzt, nicht mit dem Strom schwimmt, seine eigene Meinung hat. Ein typisches Mobbing-Opfer gibt es nicht.

Bei dir ist es ziemlich drastisch geworden. Du wurdest im Sport sogar krankenhausreif getreten. Kam das überraschend?

Es kam sogar sehr überraschend. Am Anfang ist es ja nur auf der verbalen Ebene gelaufen. Ich glaubte damals, dass ich besser damit umgehen könnte, wenn sie mich einfach schlagen würden. Dann hätte ich die Chance gehabt, mich zu wehren, zurückzuschlagen.  Als es dann aber hinterher so weit war, dass es körperlich wurde, hatte ich aber gar keine Kraft mehr mich zu wehren.

Wie sehr haben dich die Vorgänge verändert?

Ich habe krasse Veränderungen an mir beobachten können, die aber sehr schleichend kamen. Vorher war ich ziemlich selbstbewusst – durch das Mobbing zog ich mich immer weiter zurück und begann mir selbst die Schuld an dem zu geben, was passierte. Das Ganze artete dann ziemlich schnell in Selbsthass aus.

Haben die Lehrer an deiner ersten Schule eigentlich nichts gemerkt oder haben sie nur nichts unternommen?

Ich glaube, viele meiner Lehrer hatten Angst einzugreifen. Wir hatten viele junge Lehrer, einer wurde selbst von den Schülern gemobbt. Der hätte mir gar nicht helfen können – selbst wenn er gewollt hätte. 
Meine Mathe- und Englischlehrerinnen, beide sehr starke Frauen, hatten es schnell gemerkt und sich für mich eingesetzt und dafür gesorgt, dass ich in ihrem Unterricht nicht beleidigt und meine Sachen nicht geklaut wurden. Da bin ich gerne in den Unterricht gegangen, ich wusste 'jetzt bist du 45 Minuten sicher'. Das wurde mir von den Eltern meiner Mitschüler genommen, indem sie sich über die beiden beschwert haben.

Wie hast Du das überhaupt eineinhalb Jahre ausgehalten?

Das kann ich jetzt gar nicht mehr sagen und ich weiß auch nicht, ob ich es noch einmal so lange durchhalten könnte. Ich denke, es war vor allem der Rückhalt aus me iner Familie – wir haben ein sehr gutes Verhältnis. Außerdem hatte ich ja auch Freunde außerhalb der Schule, die mir das Gefühl gaben, dass ich nicht verdiene, was  mit mir gemacht wird. Hinzu kam, dass ich die Schule eigentlich mochte und mit meinen Lehrern gut klar kam.

"Ein typisches Mobbing-Opfer gibt es nicht", meint Sylvia Hamacher

Denkst Du, dass Du langfristig gestärkt daraus hervor gehst?
Ich denke schon, aber es hat mich auch in bestimmten Lebensbereichen geschwächt. Als ich damals die Schule gewechselt habe, war ich ein seelisches Wrack. Ich habe alles geglaubt, was meine Mitschüler mir eingeredet haben: dass ich dumm bin, dass ich hässlich bin, dass ich wertlos bin, dass ich es nicht verdiene, zu leben – die waren da sehr kreativ und ich musste lange mit einem Coach daran arbeiten, mich selbst wieder zu finden und vor allem mich selbst wieder zu respektieren.
Bei Grausamkeiten scheinen die Menschen immer besonders einfallsreich zu sein. Hattest du das Gefühl die Anderen hätten gewonnen, als du die Schule gewechselt hast? Schließlich hatten sie ja genau das gefordert ...
Das ist mir zumindest suggeriert worden. Meine Eltern wollten den Wechsel schon viel früher, aber eine Vertrauenslehrerin, die gerade eine Mobbing-Fortbildung gemacht hatte, sagte mir, ich dürfe auf keinen Fall wechseln, weil ich dann den Kampf aufgeben würde. Das hat mich persönlich sehr blockiert, denn so hatte ich das Gefühl, ich muss kämpfen und das hat mich unheimlich viel Kraft gekostet.

Würdest du heute anders handeln?

Lustigerweise bin ich noch einmal in genau dieselbe Situation geraten, dass ich von meinen Mitschülern ausgegrenzt wurde und es angefangen hat, in Mobbing auszuarten. Dabei gingen meine neuen Mitschüler ganz bewusst vor, schließlich hatte ich das Buch geschrieben, und so indirekt eine Anleitung zum Mobbing gegeben. Sie wollten sehen, was passiert, wenn man mit Sylvia noch einmal das Gleiche macht. Ich bin sofort zum Direktor gegangen und habe ihm gesagt, dass das jetzt gestoppt werden muss, solange es noch möglich ist. Er war sehr einsichtig und zusammen mit den Stufenkoordinatoren haben wir zuerst mit den betreffenden Schülern Einzelgespräche geführt, um deren Motivation herausfinden. Danach haben wir mit allen darüber gesprochen, wie künftig in solchen Fällen verfahren werden soll. Wir sind zu dem Ergebnis gekommen, dass es alle belastet, wenn wir uns gegenseitig fertig machen. Ich hätte nicht gedacht, dass es klappt, aber es hat tatsächlich funktioniert.

Was hat dir wirklich geholfen?

Ich persönlich hätte es ohne professionelle Hilfe nicht geschafft. 
Zuerst hatte ich Unterstützung von einer Psychologin, dann von einer Trainerin. Sie half mir, mich zukunftsfähig zu machen, mit Konflikten umzugehen. Denn ich war soweit, dass ich angefangen habe zu weinen und weggelaufen bin, sobald es Konflikte gab. Um die Kontrolle über meine Gedanken wieder zu erlangen, hat mir das Schreiben sehr geholfen, aber da muss jeder seinen eigenen Weg finden.

Gab es Reaktionen von früheren Mitschülern oder der Schule?

Es gab ja schon einige Berichterstattungen in den Medien, dabei wurde die Schule gefragt, ob sie sich äußern möchte. Ich habe den Namen der Schule ganz bewusst nicht genannt, denn mein Buch ist kein Racheakt, sondern soll dem Horroralltag gemobbter Schüler ein Ende setzen. Da hatte ich schon etwas Unterstützung erwartet. Doch die Schule schweigt mit der Begründung, dass sie zu meinem Schutz nichts dazu sagen möchte – was auch immer das heißen mag. Das finde ich schade, gerade weil mein Direktor mir gegenüber eingestanden hatte, die Sache unterschätzt zu haben. Ich habe über Dritte erfahren, dass die Schule angeblich nach dem Erscheinen des Buches behauptet haben soll, es sei alles eine Lüge und so nie passiert. Viele meiner ehemaligen Klassenkameraden erzählen das sicher auch so. Verständlich, schließlich will man ja selbst nicht als Mobber dastehen.

Was würdest du Schülern in derselben Situation raten?

Vertraut euch jemandem an! Man kann das nicht mit sich selbst ausmachen. Es ist gut, wenn man jemanden hat, der einem zeigt, dass man es nicht verdient hat, so behandelt zu werden. Man sollte an den Menschen festhalten, die einen toll finden.

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