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Buch

Adamson: In weiter Ferne die Hunde

Hast Du schon einmal das Gefühl gehabt, verfolgt zu werden? Ständig auf der Flucht zu sein? Die Panik gespürt bei der Bewegung eines Schattens? Vor Hunger Halluzinationen gehabt? Vor Kälte gefroren?

Nein, dieses Buch ist kein Psychothriller, sondern die Geschichte einer jungen Frau, die ihren Mann getötet hat und anschließend geflohen ist. Und noch immer ist sie auf der Flucht vor ihren Schwägern, die nichts anderes wollen als Rache.

Die Flucht

Eine junge Frau rennt 1903 nachts durch die Wälder Montanas. Sie hat ihr Kind verloren und im Affekt ihren untreuen Ehemann erschossen. Getrieben von der Abscheu über ihre Tat und dem unbeugsamen Mut der Verweifelten, flieht Mary immer tiefer in die Wildnis. Doch je bedrohlicher die raue Natur erscheint, desto stärker wächst die junge Frau über sich hinaus und lernt sich selbst neu kennen.

Schon der Titel zeigt, dass die Geschichte des Buches ständig in Bewegung ist. Und tatsächlich ist es der Autorin gelungen, alle 29 Kapitel und die 3 Teile des Buches flüssig aneinanderzureihen. Nirgendwo reißt die Story ab oder verliert ihren Fluss, jedes einzelne Wort wird gelesen und es entstehen Bilder von Natur, Menschen, Umgebung, Häusern und den Figuren, Eindrücke über Verhältnisse und Gefühle.

Die Witwe

Den roten Faden bildet die Flucht der Hauptfigur, der neunzehnjährigen Mary Boulton. Ihr Name wird jedoch selten erwähnt. Meistens heißt sie nur "die Witwe", womit der Autorin gelingt, eine gewisse Distanz zur Figur zu schaffen. Dennoch kann sie nicht verhindern, dass ich als Leser eine große Sympathie zur Witwe aufbaue, obwohl sie ihren Mann getötet und sich der Verantwortung entzogen hat, obwohl sie stielt. Ihre Kraft, ihre Verwundbarkeit, ihre Ausdauer - das ist es, was mich in den Bann zog. Die Witwe wird von den Brüdern ihres Mannes gejagt. Durch Wälder, durch Dörfer, über die Berge. Sie lernt die Einsamkeit kennen, den Überlebensdrang, rohes Fleisch und Pflanzen zu essen. Dennoch findet Mary irgendwann kaum noch Essbares, friert in den schneebedeckten Gipfeln, verliert das gestohlene Pferd, kann nicht mehr laufen und gibt sich der Natur hin.

Da wird sie von William Moreland gefunden, einem Bergbewohner, der sich der Zivilisation bereits vor 13 Jahren entzogen hat. Er päppelt die Witwe auf, lässt sie in seinem Zelt schlafen. Sie kommen sich näher, doch dann ist der Gratwanderer plötzlich verschwunden und Mary muss alleine weiterziehen, während ihre Schwäger einen Fährtensucher engagiert haben, weil sie ihre Spur in den Wäldern verloren hatten. Doch nun sind sie wieder hinter ihr. Ihr Weg führt sie über den Pass in eine von Männern bewirtschaftete Stadt.

Glaubwürdige Story

Ich muss sagen, dass ich eine Liebesgeschichte in diesem Buch am wenigsten erwartet habe, schon gar nicht nach den ersten Seiten, in denen es nur um die Flucht, Obdach und Nahrung geht. Ich hatte bis dato nur an Selbstfindung und "über sich hinauswachsen" gedacht. Dennoch ist die Beziehung nicht fehl am Platz, sondern ergänzt die Geschichte um das fehlende Element - die Partnerschaft. Das Gefühl, was Mary bisher verborgen geblieben war, welches sie nicht kennen lernen durfte, stattdessen Gewalt und Gefüge, weshalb sie ihren Mann umbrachte, der über das gestorbene Baby nur sagen konnte: "Was soll es - das nächste überlebt bestimmt."

Gil Adamson ist eine glaubwürdige Story gelungen, die am Anfang des 20. Jahrhunderts in der Wildnis von Kanada spielt und in der es um mehr geht als Romantik und Rache. Viele überraschende Wendungen des Verlaufes erzählen über Gemeinschaft, Glauben an sich und andere, Veränderungen, den Willen für sich und andere zu sorgen und über noch vieles mehr. Viele Figuren im Roman bekommen ihre eigene Geschichte, jedoch nicht, um die Seitenzahl des Buches zu erhöhen, sondern um Löcher zu füllen, die ansonsten entstanden wären. Um zu verstehen, warum Dinge so passieren, wie die Autorin die Geschichte beschreibt. Trotz der Ernsthaftigkeit der meisten Szenarien gelingt es Adamson auch charmanten Witz unterzubringen. So ist die Geschichte eine gelungene Mischung, die es sich zu lesen lohnt.

Ich bin angenehm überrascht von dem Roman der mir bis dato unbekannten jedoch bereits preisgekrönten kanadischen Autorin. Die Geschichte ist so packend erzählt, dass ich die 379 Seiten in zwei Tagen gelesen habe.

Regina Grauwinkel

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