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Und plötzlich war sie weg
Stewart O’Nan beschäftigt sich in "Alle, alle lieben dich" mit dem Verschwinden einer jungen Frau und der Frage: Was passiert mit denjenigen, die zurückbleiben?

- © Ina Funke/pixelio
Sommer 2005. Kim ist 18. In ein paar Wochen will sie die Kleinstadt mit ihrem Mief endgültig verlassen und aufs College gehen. Bis dahin jobbt sie mit ihrer besten Freundin Nina an der Tankstelle. Sie hat einen Freund, trifft sich mit ihrer Clique abends am See zum Trinken und Kiffen, lässt sich treiben. Eine typische 18jährige, in den Startlöchern für ein Leben, das noch nicht richtig begonnen hat. Und dann ist Kim auf einmal verschwunden, geht verloren auf dem Weg zum Schwimmen, kommt dort niemals an, einfach so.
Auf dem Buchumschlag wirbt der Verlag mit einem Thriller. Das ist Alle, alle lieben dich nicht. Und das ist auch gut so. Statt einem Thriller über Kims Verschwinden bietet O’Nan ein vielschichtiges Psychogramm des Umgangs mit der Ungewissheit. Nicht Kim selbst steht im Mittelpunkt, sondern die Art und Weise, wie die Beteiligten mit ihrem Verschwinden umgehen. Ein Blick in das Leben derer, die zurückbleiben; ein Blick auf die Personen, die hinter den vertrauten Vermisstenanzeigen bei „Aktenzeichen XY“ stehen.
Ein Blick hinein ins Private
Es ist ein stilles Buch, das sich auf die kleinen Dramen im Leben konzentriert, und gerade dadurch lesenswert wird: Kims Mutter, vormals reizbar durch ihr Alkoholproblem, mausert sich zur smarten PR-Frau in Sachen Kim. Zusammen mit ihrem Mann stürzt sie sich in hektische Suchaktionen, die allesamt optimistisch-naiv organisiert sind und gerade deswegen rühren, weil sie eben nicht erfolgreich sind. Kims Verschwinden lässt zugleich die in die Jahre gekommene Ehe ihrer Eltern wieder aufleben.
Schwester Lindsay hingegen, immer die Unscheinbarere neben Kim, die Einzige , die sich noch an deren negative Charakterzüge zu erinnern scheint, versucht, durch gute Schulnoten die Abwesenheit der Schwester für ihre Eltern zu kompensieren – bis sie letztendlich um ihre eigene Selbstständigkeit kämpfen muss.
Das wahre Leben: langsam, bedächtig.
Und Freundin Nina, die Kims Verlust nicht verkraftet, wird zur stillen Streberin am College, verliert sämtliche Kontaktfreude und Lebenslust. Verstanden fühlt sie sich nur bei Kims Lover J.P., was die beiden letztendlich in eine Beziehung schliddern lässt, vereint durch die Erinnerung an Kim.
Alle, alle lieben dich spiegelt das wahre Leben wieder, abseits von Thrillern und Kriminalgeschichten, langsam, bedächtig. Auf die Erlösung von der Ungewissheit müssen die Beteiligten drei Jahre warten. O’Nan spielt mit den Hoffnungen, zeigt auf, wie der Optimismus brüchig wird und selbst schlechte Nachrichten letztendlich erstrebenswerter werden als gar keine. Schonungslos authentisch und zugleich herzerwärmend in seiner Menschlichkeit – sehr zu empfehlen.
Angelina Schmid
Stewart O‘Nan
Alle, alle lieben dich
411 Seiten
€ 19.95
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