Artikel finden


Benutzername:
Kennwort:




Anzeige



LEBEN / Reviews / Buch / Steve Tesich: Abspann KONTAKT SITEMAP

Eine komische Tragödie

In seinem zweiten Roman „Abspann“ bietet Steve Tesich eine faszinierende Charakterstudie über die High Society New Yorks.

In Branchenkreisen heißt Saul Karoo „Doc“, denn er ist Experte im Umschreiben von Drehbüchern, eine Branche, aus der auch Autor Steve Tesich stammt. Hauptfigur Karoo scheitert zwar daran, ein eigenes Drehbuch zu schreiben, doch alle von ihm bearbeiteten Drehbücher entwickeln sich zu Klassenschlagern. Sein Geheimnis: Immer den Plot im Auge behalten.

Im Privatleben gelingt das dem egomanischen Karoo schwerer: Die Ehe mit Noch-Frau Dianah ist gescheitert, wenngleich man sich nur dezent aus dem Weg geht und bei gelegentlichen Verabredungen zum Dinner über Scheidung spricht; die Beziehung zu Adoptivsohn Billy prägt Karoos Angst vor Intimität. Karoo ist ein Ekel, der Menschen gegeneinander ausspielt und sie gerade dann in der Luft hängen lässt, wenn sie am nötigsten Unterstützung brauchen. Gerade diese Boshaftigkeit weckt das Interesse an Tesichs Hauptperson: Er ist der kleine Teufel, der auf der Schulter sitzt; der exzentrisch-irrationale, bösartige Teil im Gehirn des Menschen, der keine Rücksicht kennt und sich nimmt, was er in genau diesem Moment will. So liest sich „Abspann“ wie eine abgründige, fesselnde Charakterstudie, platziert in der New Yorker High Society.

Der Aufbau von Spannung….

Bewegung kommt in die Geschichte, als Karoo ein Drehbuch angeboten bekommt, in dem Billys leibliche Mutter Leila mitspielt. Zum ersten Mal hat er das Gefühl, sein Leben positiv verändern zu können, fühlt sich selbst als Teil eines Plots. Zielgerichtet freundet er sich mit Leila an, wird ihr Liebhaber, bringt sie mit Billy zusammen, ohne beiden mitzuteilen, dass sie Mutter und Sohn sind. Erst in Detroit, wo drei Flüsse zusammen laufen, sollen sie die Wahrheit erfahren und – so Karoos naive Vorstellung – sich wie drei Flüsse vereinen.

…und ihr Absturz

Bis zu dieser Stelle ist der Tesichs Abspann schwungvoll, lebendig und erfrischend unterhaltsam. Die Spannungsspirale steigert sich in luftige Höhen - bis Tesich dann, völlig überraschend und für den Leser seltsam unbefriedigend, sowohl Billy als auch Leila bei einem Autounfall umkommen lässt, bevor Karoo sie aufklären kann. Damit verwandelt sich die Lektüre von einem Spaziergang durch die bunte Innenansicht New Yorks in eine Quälerei durch eine leere Wüste.

Beschwerlich und starr wirken die letzten 135 Seiten des Romans, verloren scheint sowohl Karoos Seelenleben durch den Wechsel von der Ich-Erzählung in eine kalte Außenansicht, als auch die Spannung, da niemals aufgedeckt wird, ob Billy und Leila Karoos Spiel durchschaut haben. Schlimmer noch: Tesich lässt seine Hauptperson einen unwürdigen, kitschigen Tod auf der Toilette sterben. Schade darum. Weder Karoo noch Abspann haben ein solches Ende verdient.

Angelina Schmid

STUDIUM  |   KARRIERE  |   LEBEN   Mediadaten  |   KONTAKT  |   IMPRESSUM
Copyright © Evoluzione Media AG
Eine Verwertung der urheberrechtlich geschutzten Beitrage, insbesondere durch
Vervielfaltigung oder Verbreitung auch in elektronischer Form, ist ohne vorherige
Zustimmung unzulassig und strafbar, soweit sich aus dem Urhebergesetz nichts
anderes ergibt.