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Biografie anlässlich des 200. Geburtstags des größten amerikanischen Präsidenten

Abraham Lincoln (1863)

Eine vernünftige Biografie über einen Politiker zu verfassen ist Aufgabe genug. Wie ungleich schwieriger aber ist es, wenn man sich an einen Nationalhelden, eine quasi-messianische Gestalt – kurz, wenn man sich an Abraham Lincoln heranwagt? Jörg Nagler hat eine Lincoln-Biografie gewagt und ein ziemlich vielschichtiges Porträt jenseits des Mythos geschaffen.

Am 20. Januar wurde der erste schwarze Präsident der Vereinigten Staaten von Amerika in sein Amt eingeschworen. Beinahe zwei Millionen Menschen feierten dabei den 44. Präsidenten der USA. Wie seine Vorgänger schwor Barack Obama auf die Bibel. Das neue Staatsoberhaupt legte allerdings Wert darauf, auf eine ganz bestimmte Bibel zu schören. Jene, auf die auch schon der 16. Präsident Amerikas 148 Jahre zuvor seine Hand legte und den Amtseid ablegte: Abraham Lincoln.

Lincoln – Der Bürgerkriegspräsident

Abraham Lincoln wurde am 12. Februar 1809 geboren, er wäre also dieses Jahr 200 Jahre alt geworden. Solche Jubiläen gehen natürlich immer mit einer Reihe von Reden, Feierlichkeiten, Ehrerweisungen und neuen Biografien einher. Nun litt die Literaturwelt bis dato sicherlich nicht an einem Mangel ausführlicher Werken zur Person Abraham Lincoln, doch überzeugen viele vornehmlich durch eine Bewunderung, eine Mystifizierung jenes Bürgerkriegspräsidenten, der nicht nur durch seine Verantwortlichkeit während der schwersten Jahre der Nation zu einer Symbolfigur der amerikanischen Politik geworden ist, an der sich alle Präsidenten jetzt und in 100 Jahren messen lassen müssen.

Lincoln – „The Great Emancipator“

Autor der Lincoln-Biografie Jörg Nagler; © Peter Scheere

Mit der Umsetzung seiner Emanzipations-Proklamation wurde die Erbsünde der amerikanischen Geschichte, die Sklaverei, zumindest de jure abgeschafft. Was sonst könne man also tun, als jenem physischen, politischen und mittlerweile mythischen Riesen seine Aufwartung zu machen? Darauf gibt Jörg Nagler, Professor für Nordamerikanische Geschichte an der Universität Jena, die Antwort: Die Person Lincoln in all seinen Stärken und – oh Schreck – auch Schwächen darstellen. Denn nur ein korrektes und möglichst allumfassendes Bild von Abraham Lincoln ermöglicht, die Einblicke zu erhaschen, die klären, warum Lincoln die Sklaverei verbot, warum er das schon früher hätte können und warum er zumindest in der Frage der Kriegsführung keineswegs jene Lichtgestalt war, als die er heute zumeist dargestellt wird.

Und all das maßt sich im Jahr der anstehenden Lincoln-Biografien auch noch ein Deutscher an. Und Nagler tut gut daran. Vielleicht besitzt gerade er als Nicht-Amerikaner die erforderliche Distanz um der Person Abraham Lincoln aufs Neue, aus möglichst allen Blickwinkeln, seine Geheimnisse zu entlocken. Naglers Abraham Lincoln. Amerikas großer Präsident – Eine Biographie ist ein hervorragend recherchiertes, beachtliches, aber nicht überbordendes Werk über den 16. Präsidenten der USA.

Wissenschaft und Unterhaltung

Der junge, noch bartlose Lincoln, im Jahr 1832

Die Biografie entspricht hohen wissenschaftlichen Ansprüchen, bietet dabei aber jedem Interessierten einen verständlichen Zugang zur Person Lincoln. Das aufwendig recherchierte Material verarbeitet Nagler zu einem Buch, an der man an kaum einer Stelle Gefahr läuft, sich aufgrund exzessiver Namensaufzählung, Datenanreihung oder Fachwörterbespickung zu verheddern und zu verlieren. Vielmehr lockern interessante Randnotizen – die für ein Verständnis der Person nicht unabdingbar, aber durchaus ergänzend und erklärend wirken – das Werk auf. So erfährt der geneigte Leser etwa, dass wir Abraham Lincolns markanten Bart einer Elfjährigen zu verdanken haben, die ihm versicherte, dass er durch dieses haarige Accessoire bestimmt nicht mehr so schlaksig aussehen würde.

Die unterschiedlichen Facetten Lincolns

Derartig einprägsame Nebengeschichten gibt es viele in Naglers Buch. Das Besondere aber ist, dass der Autor es schafft, den Mythos Lincoln beiseite zu legen und den Menschen zum Vorschein kommen zu lassen. Da ist dieser übergroße Junge, der bereits in jungen Jahren alle Büchern verschlingt, derer er nur habhaft werden kann. Der junge Mann, den immer wieder bis an sein Lebensende Depressionen heimsuchen, aus deren Fängen er sich mal besser, mal schlechter befreien kann. Das talentierte politische Genie, das gerade in der Auseinandersetzung mit seinen ärgsten Rivalen zur vollen Kraft und letztlich in das Amt des Präsidenten der Vereinigten Staaten aufsteigen konnte. Ein begnadeter Redner, der teilweise aber auch von Mitgliedern der eigenen Partei gedrängt wurde, radikaler in seiner Haltung bezüglich der Abschaffung der Sklaverei zu agieren. Ein Idealist, der die Sklaverei immer als moralisch unverantwortlich angesehen hat, die Einheit der Nation jedoch über alles gestellt hat. Und da ist auch dieser Präsident, der den Krieg gegen die Südstaaten mit äußerster Härte zu führen bereit war.

"Die Ernte des Todes": Gefallene Unionssoldaten auf dem Schlachtfeld von Gettysburg im Juli 1863; Foto: Timothy H. O'Sullivan

All diese Facetten zeigt Jörg Nagler und bietet dadurch dem Leser Hilfe, die komplexe Person Lincolns, vor allen Dingen seine Entscheidungen und Beweggründe aus seinem Denken, seinen Wertvorstellungen, seinen Prägungen und dem zeitgeschichtlichen Kontext heraus zu verstehen. Naglers Abraham Lincoln. Amerikas großer Präsident – Eine Biographie ist ein großartiges Buch, das zur Entmystifizierung des Bürgerkriegspräsidenten beiträgt und dadurch mit besonderer Vehemenz die Bedeutung, ja auch das Genie, eines Abraham Lincoln darlegt, dabei aber den Menschen mit seinen Schwächen nie vergisst.

Jeder der etwas über Abraham Lincoln wissen möchte, sollte dieses Buch lesen. Es ist nicht nur eine Biografie eines US-Präsidenten, sondern zugleich Grundvoraussetzung zur Verständnis des noch immer nicht gelösten Konflikts zwischen Schwarzen und Weißen. Zudem beginnt man nach der Lektüre zu begreifen, warum Barack Obama, der nicht minder sprachgewaltige 44. Präsident der Vereinigten Staaten, ehemals Senator in Illinois, der mit dem Zug zum Amtsantritt nach Washington fuhr, ausgerechnet Wert darauf legte, auf Lincolns Bibel zu schwören.

Florian Jetzlsperger

 

Jörg Nagler

Abraham Lincoln – Amerikas großer Präsident

464 Seiten

26,90 Euro

Verlag C.H.Beck

 

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2 Beiträge
03/04/2010, 04:16
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