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Über die Angst vor Terroranschlägen und die sich daraus entwickelnde Eigendynamik berichtet Le Carrés „Marionetten“
Ein tschetschenischer Muslim findet Unterschlupf in Deutschland – illegal. Sein Ziel ist es, Arzt zu werden und seinen Glauben zu praktizieren. Doch sein Vater hatte mit der Not der Tschetschenen viel Geld verdient. Sein Sohn distanziert sich von ihm und gerät dennoch wegen dieser Verbindung in das Fadenkreuz der Terrorismusbekämpfung. Zu Recht?
Völlig abgehungert und kränklich gelangt der junge Mann nach Hamburg. Bei einer türkischen Familie, die nicht die deutsche Staatsbürgerschaft besitzt, findet er zunächst Unterschlupf. „Issa“ (arabisch für Jesus, nach islamischem Verständnis einer der Propheten) nicht sich der tschetschenische Flüchtling selbst, der nach eigenen Angaben Folterungen in russischen und türkischen Gefägnissen über sich ergehen lassen musste. Issa ist Muslim wie seine tschetschenischen Brüdern und Schwestern.
Schwarzgeld und Terrorismus
Seine Flucht hat er mit Mitteln aus einem Schwarzgeldkonto finanziert, das sein Vater, ein russischer Offizier der seine Mutter vergewaltigt hatte, angelegt hatte. Issas einziger Wunsch scheint es zu sein, Medizin zu stuideren und gemäß seinem Glauben zu leben, den er wie so vieles andere zwar idealisiert aber nicht unbedingt in seiner Gänze durchdrungen hat. Dies wäre der einzige Wunsch, den er sich mit dem Geld seines Vaters erfüllen will. Der Sitz der Bank, die das illegal erworbene Geld von Issas Vater verwaltet: Hamburg.
Hilfe bekommt Issa von der Organisation Fluchthafen, die politische Flüchtlinge auf ihren Weg in die Legalisierung zu deutschen Staatsbürgern begleitet, in Person von Annabel Richter. Sie versucht dem dünnen Tschetschenen den Aufenthalt in Deutschland zu ermöglichen – irgendwie. Der englische Bankier Mr. Tommy Brue soll Issa die Millionen seines Vaters übergeben und unterstützt ihn im Zuge seiner Zuneigung zu idealistischen Anwältin des Tschetschenen. Und irgendwann dazwischen erfahren auch Verfassungsschutz, Polizei und Agenten vom Aufenthalt Issas. Auch Engländer und Amerikaner interessieren sich für den Flüchtling. Alle ziehen im Hintergrund die Fäden, während Issa weiterhin von einem gottesfürchtigen Leben in Deutschland träumt.
Hintergrund: Die Anschläge vom 11. September

- Handlungsort: Hamburg
Marionetten ist ein intensiver, ein atemloser Roman, dessen Handlung und Szenario im Dunstkreis der 9/11-Anschläge und der Hamburger Terrorzelle um den späteren Todespiloten Mohammed Atta schwebt. John Le Carrés Roman nimmt von Anfang an gefangen. Der Plot für sich ist schon spannend erzählt und ein wunderbarer Thriller. Geradezu phantastisch ist aber Le Carrés Einsicht in die Machenschaften von Terrorfahndung, Terrorfinanzierung, internationalen Geheimdienststreitigkeiten und seine einzigartige Fähigkeit ein Gefühl zu transportieren, das nach den Anschlägen von New York allumfassend in unsere Gesellschaft Einzug gehalten hat: die Angst vor Terror und der Argwohn gegenüber allem Fremden.
Dabei war dem Autor sicherlich seine Vergangenheit als englischer Spion nicht abträglich. Die Spannungen zwischen den Geheimdienstvertretern, deren Denkweisen und Paranoia werden auf jeder Seite verständlich dargestellt. Die Bekämpfung des Terrorismus in Marionetten gewinnt eine losgelöste Dynamik, die nicht mir durch die Handlung der Akteure legitimiert zu sein scheint. Angst bestimmt die Protagonisten. Am Ende erfährt der Leser nicht, was genau die Absichten Issas sind: Ist er wirklich ein glühender Fanatiker, der den nächsten Anschlag plant, oder lediglich ein Flüchtling auf der Suche nach äußerer und innerer Ruhe? Man erfährt es nicht, da das Netzwerk aus Terrorbekämpfung ihm nicht die Möglichkeit lässt, seine wahren Absichten zu enthüllen.
Der Autor hat im Zuge seiner Recherche für Marionetten auch mit dem von der CIA verschleppten Hamburger Murat Kurnaz gesprochen. Sein Schicksal hat sinnbildlich Einzug in den Roman gefunden.
Marionetten ist Plädoyer und Bestandsaufnahme zugleich
Zudem vermag Le Carré es wie kein anderer, eine Geschichte vor allem auf Dialogen aufzubauen. Dabei noch viel spannender als diese sind die Einblicke, die der Autor in die Personen während einer Unterhaltung bietet. Jeder Protagonist wägt die Worte seines Gegenüber zunächst für sich ab bevor er antwortet, stellt sich Fragen und prüft seine Optionen. Ganz so wie man sich selbst während eines Gesprächs – oftmals auch unbewusst – verhält.
Marionetten ist großartig und spannend, ein Beweis dafür, dass in der Literatur das eine nicht das andere ausschließen muss. Es ist keine Bagatellisierung der Terrorismusgefahr, sondern vielmehr ein Plädoyer für Toleranz und für Abkehr von einer sich immer negativ auswirkenden Angst vor fremden Kulturen, Glaubensrichtungen, Menschen. Vor allem anderen ist das Buch etwas, was dem Leser während der Lektüre absolute Beklommenheit ans Bein heftet: eine Bestandsaufnahme der derzeitigen Gefühlslage vieler Deutscher in Bezug auf das Thema Islam.
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